Die rote Linie ist überschritten: Praxisnetze und Ärztegenossenschaft Nord sind irritiert über das Modellvorhaben der AOK NordWest zum Grippeimpfen in Apotheken

Die AOK NordWest will nun auch in Schleswig-Holstein ein Modellprojekt zur Grippeschutzimpfung in Apotheken starten, nachdem 2020 im Masernschutzgesetz die Rahmenbedingungen dafür geschaffen wurden. Vorbei am Apothekerverband, mit dem in vielen Bereichen vertrauensvoll zusammengearbeitet wird, wurde dazu ein Vertrag mit einem Pharmagroßhändler geschlossen.

Dr. Svante Gehring, selbst Hausarzt und Vorstandssprecher der Ärztegenossenschaft Nord (äg Nord), findet klare Worte zu dieser Idee: „Die AOK Nord-West übertritt mit diesem Modellprojekt eine rote Linie – gegen den ausdrücklichen Widerstand der Ärzte und zum Nachteil Ihrer Versicherten.“ Gehring ärgert es, dass es in der Vergangenheit durch Rabatt- und Exklusivverträge mit Herstellern immer wieder zu Lieferengpässen des Grippeimpfstoffes gekommen und die schlechte Impfquote dann den niedergelassenen Ärzten angelastet worden sei. Oft seien Impfstoffe erst 3-6 Monate später angeliefert worden, auch in diesem Jahr würden wieder zu spät ausgelieferte Grippeimpfungen auf Halde liegen. „Es mangelt gerade in Pandemiezeiten an jeglicher Wertschätzung unserer Arbeit gegenüber, wenn die Apotheker mit über 12 Euro pro Impfung dann auch noch 5 Euro mehr vergütet bekommen sollen“, so Gehring weiter, „mögliche Impfreaktionen dürfen wir dann wieder für „Muschelgeld“ ausbaden!“

Auch Christopher Schäfer, Vorsitzender des Dachverbandes der Praxisnetze in Schleswig-Holstein (DPN-SH) und Kinderarzt ist verärgert und nennt gute Gründe, warum Impfungen ausschließlich in den ärztlichen Verantwortungsbereich gehören: „Ärzte impfen ihre Patienten im Wissen um ihre Erkrankungen, Laborwerte und Medikamente, ihrer Lebenssituation und im Kontext weiter zu berücksichtigender Gesundheitsfaktoren. Unser Personal ist speziell ausgebildet und hat jahrelange Erfahrungen, wir können jederzeit Notfälle als Impfreaktionen professionell beherrschen!“ Er sehe keinen Spielraum für sinnfreie Parallelstrukturen, fordere eine wissenschaftlich fundierte Berichterstattung, auch Kinder und Jugendliche gegen Grippe zu impfen und vor allem sollten alle niedergelassenen Ärzte von bürokratischen Hürden befreit werden und impfen dürfen. „Spätestens ein Jahr nach Beginn der Corona Pandemie sollte jedem klar geworden sein, dass auch die Impfung gegen die echte Virusgrippe dann am besten wirkt, wenn jeder sie rechtzeitig bekommen kann.“, mahnt Christopher Schäfer weiter. Krankenkassen dürften gerne dafür sorgen, dass Grippeimpfstoff rechtzeitig in ausreichender Menge vorläge und Ärzte – für zu spät ausgelieferten Impfstoff – aus dem Regressrisiko genommen würden.

Wie man nur auf eine so absurde Idee kommen könne, den eigenen Versicherten zuzumuten, sich in Apotheken impfen zu lassen, ist beiden erfahrenen Impfärzten ein Rätsel. “Demnächst werden dann auch noch Wunden in Apotheken versorgt oder noch besser gleich im Discounter um die Ecke“, scherzen sie.

Der DPN-SH und die äg Nord fordern daher die AOK NordWest auf, dieses Modelprojekt augenblicklich zu stoppen, andernfalls würden Protestaktionen folgen, die der AOK NordWest wohl nicht gefallen werden. Dr. Svante Gehring richtet gleichzeitig einen Appell an die Apotheker in Schleswig-Holstein: „Lasst Euch von der AOK NordWest nicht vor den Karren spannen, sondern lasst uns weiterhin zum Wohle unserer Patienten, jeder in seinem Berufsfeld, auf Augenhöhe zusammenarbeiten.“

Bad Segeberg, 10.02.2021

Pressekontakt:
Ärztegenossenschaft Nord eG
Christopher Schäfer, Vorsitzender des DPN-SH
Dr. Svante Gehring, 1. Sprecher Vorstand der äg Nord
Tel.: 04551 9999-0 – E-Mail: kontakt@aegnord.de


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