„Ich weiß nicht, wann wir Ihre Schmerztablette wieder liefern können“ muss der Apotheker heute schon zum wiederholten Male einem Patienten mitteilen. „Die Ursachen für diesen Versorgungsskandal sind nicht hinnehmbar“ sagt Dr. Svante Gehring, 1. Sprecher der Ärztegenossenschaft Nord eG (äg Nord) in Bad Segeberg. Der Norderstedter Hausarzt weiß wovon er spricht. Fast täglich können die Apotheken selbst banale Medikamente wie Ibuprofen oder Aspirin nicht liefern. In der Summe sind bis zu 560 Arzneimittel derzeit nicht lieferbar.

Die äg Nord betreibt selbst ein kleines spezialisiertes Arzneimittelunternehmen, die Q-Pharm AG, und kann daher sehr konkret in die Verwerfungen des deutschen Pharmamarktes hineinschauen. Arzneimittel sind keine alltäglichen Verbrauchsgüter und dennoch unterliegt die Herstellung und der Vertrieb im Wesentlichen einer kaufmännischen, marktbezogenen Steuerung. Die Zielsetzung ist klar: Das einzelne Arzneimittelunternehmen muss wirtschaftlich leben können, um seine vielfältigen und hohen Qualitäts- und Sicherheitsansprüche in vollem Umfang zu erfüllen. Die Schaffung des Generikamarktes folgte der Idee, dass nach einer gewissen Schutzfrist die hohen Entwicklungskosten für ein Arzneimittel erwirtschaftet sein müssten und dann nur noch die reinen Produktionskosten als Bezugsgröße für eine marktwirtschaftlich orientierte Preisfindung dienen sollen. Zusätzlich hat aber der deutsche Staat durch entsprechende Gesetze ein starres Preisaufschlagsmodell geschaffen, da Großhändler und Apotheker festgeschriebene Aufschläge kalkulieren müssen, ganz zu schweigen von der Mehrwertsteuer mit 19%.

Die vor über zehn Jahren ins Spiel gebrachten „Rabattverträge“ mit den Krankenkassen sind ein verzweifeltes Bemühen, steigende Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Teilweise global agierende Großkonzerne haben bis zu 90% Rabatt auf gängige Generika mit großem Marktanteil angeboten. In diesem Kampf kann der gesunde Mittelstand nicht mithalten. Die Refinanzierung solcher „Scheingeschäfte“ erfolgt dann über das komplizierte Recht der Umsatzsteuerrückerstattung, also aus dem Portemonnaie des Steuerzahlers. Die Produktion solcher stark rabattierten Arzneimittel muss zwangsläufig immer billiger erfolgen. Daraus wächst der Druck, die Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern und zu konzentrieren. Wenn dann eine ganze Produktions-Charge eines Grundstoffes aus Qualitätsmängeln oder anderen Gründen ausfällt, kommt es unweigerlich zu einer ernsten Verknappung oder sogar Lieferunfähigkeit. Oft dauert es dann fünf und mehr Monate, bis fertige und geprüfte Arzneimittel wieder ausreichend zur Verfügung stehen. Die ursprüngliche Versorgungssicherheit in Deutschland war das Ergebnis eines gesunden Wettbewerbs, wo der einzelne Anbieter auch dann schon ausreichend Gewinn machen konnte, wenn er nicht die gesamte Produktionsmenge verkauft hat. Diesen Puffer haben wir alle mitfinanziert – und wie sich jetzt zeigt, aus gutem Grund. Die Behauptung „Rabattverträge stärken den Wettbewerb“ haben sich als grober Unfug erwiesen, stellt Christoph Meyer, Vorstand der Q-Pharm AG fest. „Die erzielten, oligopolistischen Verwerfungen am deutschen Pharmamarkt werden noch weit schlimmere Folgen in der Zukunft generieren. Insbesondere wenn die Hamsterkäufe aus Großbritannien wegen des bevorstehenden Brexits voll durchschlagen. Die Verantwortung hierfür liegt bei den verantwortlichen Politikern. Sie haben eine weltfremde Betrachtungsweise für einen wichtigen Teil der Daseinsvorsorge für die Menschen in unserem Land und sprechen dem Arzneimittelmarkt ungerechtfertigt jegliches Recht auf marktwirtschaftliches Agieren ab“.

Die äg Nord wird weiter das Geschehen kritisch beobachten und kommentieren.
Bad Segeberg, 11. Juli 2019

Pressekontakt:
Ärztegenossenschaft Nord eG, Christoph Meyer, Vorstand
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