Bei einer Symposiumsveranstaltung des Förderkreises für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen im November dieses Jahres musste die Vertreterin der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ziemlich deutlich eingestehen, dass die KBV gegenüber den Anbietern von Praxissoftware nur über sehr stumpfe Schwerter verfüge.

In SGB V §73 (9) heißt es unmissverständlich:

“Vertragsärzte dürfen für die Verordnung von Arzneimitteln nur solche elektronischen Programme nutzen, die mindestens folgende Inhalte mit dem jeweils aktuellen Stand enthalten:

  1. die Informationen nach Absatz 8 Satz 2 und 3,
  2. die Informationen über das Vorliegen von Rabattverträgen nach § 130a Absatz 8,
  3. die Informationen nach § 131 Absatz 4 Satz 2,
  4. die zur Erstellung und Aktualisierung des Medikationsplans nach § 31a notwendigen Funktionen und Informationen sowie
  5. die Informationen nach § 35a Absatz 3a Satz 1 und die von der KBV für die vertragsärztliche Versorgung zugelassen sind…”

Dennoch befindet sich eine Vielzahl von Praxissoftware im Einsatz, die diese Bedingungen nur marginal erfüllt oder teilweise auch gar nicht.

“Würden wir diesen Programmen die Zertifizierung [wie vorgeschrieben – Anm. d. Red.] entziehen, würde es vor allem die Ärzte treffen”, so das Argument der KBV. Es erscheint fast schon skandalös, wenn Ärzte als verlängerter Arm des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit diesen (teuren) Programmen die eher unlösbare Aufgabe erfüllen sollen, die Beschlüsse hinsichtlich SGB V § 35a “Bewertung des Nutzens von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen” in die Praxis umzusetzen.

Den Softwarehäusern ist es bisher nicht gelungen, die angeblich maschinenlesbaren Beschlüsse mit teilweise mehr als 100 Seiten in eine praxisgerechte Form umzusetzen. Für die in der täglichen Praxis arbeitenden Ärztinnen und Ärzte ist das Durcharbeiten dieser Schriften allerdings überhaupt nicht zumutbar.

Diese Bewertung eines Zusatznutzens stellt de facto eine zweite Zulassung eines Medikamentes nach der eigentlichen arzneimittelrechtlichen Zulassung dar, so wie es z.B. aus Portugal oder Italien bekannt ist. Indirekt wird so dem verordnenden Arzt die Verantwortung für die richtige Auswahl der “Patientensubgruppen” und der “Spezial-Ausnahme-Indikation” aufgebürdet.

Diese Situation hat nichts mit einer verantwortbaren, der Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit unterworfenen Verordnungspraxis gemein. (Chr. Meyer)