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Neue Perspektive für die Genossen

16.01.2024 | äg Nord, Info

GENOSSENSCHAFT – Mitte Dezember entschied die Generalversammlung der Ärztegenossenschaft Nord, dass sie künftig einen Beitrag von monatlich 40 Euro von ihren Mitgliedern erheben wird. Über die Gründe sprach Dirk Schnack (Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt) mit den Vorständen Dr. Svante Gehring und Dr. Axel Schroeder.

Die Generalversammlung kam für viele Mitglieder der Ärztegenossenschaft überraschend. Einen Mitgliedsbeitrag musste sie seit der Gründung vor über 20 Jahren noch nie zahlen. Warum war dieser Schritt nötig?

Dr. Svante Gehring: Grund ist die angespannte Liquiditätslage gewesen. Wir konnten absehen, dass wir ohne regelmäßige Einnahmen durch einen Mitgliedsbeitrag wohl nicht bis zur turnusmäßig geplanten Generalversammlung im Sommer 2024 durchgehalten hätten. Für diesen Zeitpunkt hatten wir ohnehin geplant, der Generalversammlung diesen Schritt vorzuschlagen. Wenn wir jetzt nicht reagiert hätten, wäre eine Insolvenz die Alternative gewesen.

Dr. Axel Schroeder: Dazu muss man wissen, dass der Genossenschaft Geschäftsfelder weggebrochen sind. Lange Zeit haben uns die Einnahmen aus der Tochterfirma Q-Pharm geholfen. Die stehen nicht mehr zur Verfügung. Ein anderes, noch aktuelleres Beispiel ist unser Geschäftsfeld Management von Versorgungsprojekten. Hier waren wir in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich und konnten das ausbauen, auch für Projekte aus dem Versorgungssicherungsfonds des Landes. Hierfür lagen positive Signale für 2024 vor. Mit der aktuellen Haushaltskrise sind jedoch auch Anschlussprojekte im Versorgungssicherungsfonds gecancelt worden.

Warum konnte das dazu führen, dass sogar eine Insolvenz im Raum stand?

Gehring: Allein dieser Punkt bringt uns eine Deckungslücke in Höhe von rund 200.000 Euro für 2024. Man muss bedenken, dass wir Einnahmen bislang einzig über unsere Geschäftstätigkeit erzielen. Wenn ein Geschäftsfeld in dieser Größenordnung wegbricht, ist das für uns existenziell.

Ein anderer Punkt ist unser Geschäftsbereich Abrechnung. Als Dienstleister übernehmen wir die Abrechnung von Selektivverträgen. Hier konnten wir einen nicht vorhersehbaren, hohen Krankenstand in der Abteilung nicht ausgleichen und sind deshalb in Rückstand geraten. Das hat zu kurzfristigen Zahlungsausfällen geführt. Wir haben daraus gelernt und stellen uns in dieser Abteilung künftig anders auf.

Nach der Versammlung wurde berichtet, dass die Stimmung zum Teil aufgeheizt war und einige Mitglieder ihrem Unmut lautstark Luft gemacht haben. Wie haben Sie die Reaktionen der Mitglieder empfunden?

Gehring: Als sehr emotional, am Ende aber auch als sehr konstruktiv und für uns positiv. Allerdings gab es auch vereinzelte Vorwürfe, das hat uns auch persönlich sehr getroffen. Ich war positiv in die Versammlung gegangen und dann zwischendurch doch auch angefasst, weil Kritik vereinzelt persönlich wurde und man merkte, dass sich manche gar nicht überzeugen lassen wollten.

Schroeder: Ich bin selbst Gründungsmitglied der Genossenschaft und mich hätte eine Insolvenz genauso schwer getroffen wie viele andere Mitglieder. Und ich bin traurig über jedes Mitglied, das wir nicht überzeugen konnten. Deshalb: Für die Emotionen haben wir Verständnis, es war auch für uns kein einfacher Schritt. Die Kritik an diesem Tag prallt nicht einfach von einem ab – auch nicht, wenn man so lange dabei ist.

Man muss aber auch festhalten: 80 Prozent haben für die erforderliche Satzungsänderung gestimmt, das ist ein enormer Rückhalt und zeigt, dass viele Mitglieder den eingeschlagenen Weg stützen. Das gibt uns jetzt die nötige Sicherheit und wir können nach vorn schauen.

Wie viele haben sich denn nicht überzeugen lassen und sind ausgetreten?

Gehring: Wir haben wegen der kurzfristigen Anberaumung der Generalversammlung die Möglichkeit gelassen, die Mitgliedschaft bis zum Jahresende zu kündigen. Wir hatten bis zur Generalversammlung 1.600 Mitglieder und am 2. Januar über 1.300. Da wir den 240 ausgetretenen Mitgliedern ihre zum Eintritt eingezahlten Genossenschaftsanteile auszahlen müssen, fließt ein Teil der Beitragseinnahmen erst einmal ab. Aber insgesamt ist das eine Größenordnung, die uns jetzt finanzielle Planungssicherheit für 2024 gibt. Dafür bin ich auch persönlich dankbar, denn wir können den 42 Mitarbeitenden der Genossenschaft, die mit viel Engagement dabei sind, eine Perspektive bieten.

Wie sieht ihre Strategie denn aus, wo werden Sie künftig die Schwerpunkte in Ihrer Arbeit setzen?

Schroeder: Wir intensivieren weiter die Geschäftsbereiche, die zu einem positiven Deckungsbeitrag führen. Das sind zum Beispiel die schon genannten Bereiche Abrechnung und Management von Versorgungsprojekten. Wir sind längst etabliert als Ansprechpartner der Kommunen, die sich Gedanken um die lokale Gesundheitsversorgung machen. Diese Beratungstätigkeit und die daraus resultierenden Managementaufgaben lassen sich ausweiten, weil die Probleme vor Ort ja nicht geringer werden. Ausbauen werden wir unsere Serviceleistungen für Praxen. Wie gut das angenommen wird, sieht man etwa am Beispiel der Kurse für Wundmanager.

Wir werden auch weiter dafür werben, dass unsere Mitglieder die Einkaufsgemeinschaft besser nutzen. Wer diese nutzt, kann nennenswerte Rabatte erzielen und hilft zugleich noch der eigenen Genossenschaft – eine klassische win-win-Situation, bei der noch sehr viel Luft nach oben ist. Wenn mehr Mitglieder diese Chance ergriffen hätten, wären wir im Dezember nicht in den finanziellen Engpass gerutscht. Vielleicht ist diese Krise aber auch eine Chance für uns: Die überzeugten Mitglieder sind dabei geblieben – die, die sogar zu einem monatlichen Beitrag bereit sind. Die wollen wir davon überzeugen, künftig auch die Vorteile der Einkaufsgemeinschaft besser zu nutzen.

Die Ärztegenossenschaft ist aber nie eine rein wirtschaftliche Organisation gewesen. Gegründet als Parallelorganisation zur KV hat sie sich immer auch in die Gesundheitspolitik eingebracht. Wird das jetzt auch wegbrechen?

Gehring: Auf keinen Fall! Die gesundheitspolitischen Aufgaben werden von den gewählten ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern weiter wahrgenommen. Wir fühlen uns als “dritte Kraft” neben den Körperschaften Ärztekammer und KV und wollen das auch bleiben.
Schroeder: Auch wenn wir dieses Engagement ehrenamtlich erbringen, fallen dafür Kosten an. Das Geld dafür ist aus meiner Sicht aber gut investiert. Im vergangenen Jahr hat man gesehen, wie stark die Genossenschaft sich für die niedergelassenen Ärzte einbringt und von anderen Akteuren im Gesundheitswesen auch einbezogen wird – das reicht vom Landesgesundheitsministerium bis zu den Krankenkassen.

Es bleibt aus meiner Sicht wichtig, dass eine unabhängige Kraft ohne Zwangsmitgliedschaft für die Ärzteschaft im Land eintritt. Als solche werden wir wahrgenommen.

Wo wird die Ärztegenossenschaft Nord nach Ihrer heutigen Einschätzung in drei Jahren stehen – wird es sie überhaupt noch geben?

Gehring: Davon bin ich überzeugt. Die einzelnen Abteilungen bei uns werden gewinnbringend arbeiten und uns die notwendige finanzielle Grundlage für unsere Lobbyarbeit im Gesundheitswesen geben.

Schroeder: Wir werden eine gewisse Zeit für die Konsolidierung brauchen und dann gestärkt daraus hervorgehen, weil uns der Mitgliedsbeitrag finanziell unabhängiger macht. Dann werden wir als Unternehmen und als Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzte stärker sein als vorher.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit freundlicher Genehmigung des Schleswig-Holsteinischen Ärzteblattes.
https://www.aeksh.de/aktuelles/neue-perspektive-fuer-die-genossen

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