Startseite 9 Info 9 Medizin ist weiblich, Berufspolitik auch?

Medizin ist weiblich, Berufspolitik auch?

12.01.2022 | Info

In Deutschland dominieren Ärztinnen mit über 50 Prozent und steigender Tendenz die medizinische Versorgung in Klinik und Praxis. Aber in den ärztlichen Gremien sind sie immer noch unterrepräsentiert, was sich nachteilig auf frauenspezifische Belange und die berufliche Zukunft von Ärztinnen auswirkt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird nicht nur als Karriereknick sondern auch als Hemmnis für berufspolitische Aktivitäten gesehen. Versorgung der Kinder und Hauptlast im Familienalltag wird traditionell immer noch ganz selbstverständlich bei Frauen angesiedelt. Die Rolle der Ärztin wird auf die medizinische Seite reduziert, die berufspolitische Seite mit der Durchsetzung der eigenen Rechte oder sogar Entwicklung neuer Strukturen und besseren beruflichen Positionen scheitert häufig an fehlenden Informationen und Selbstbewusstsein. Langjährige männliche Dominanz in wichtigen Ämtern hemmt so manchen Kampfgeist.

Dabei haben ärztliche Kolleginnen die besten Argumente für die Durchsetzung ihrer eigenen und der Interessen ihrer Berufskolleginnen durch das Erleben ihrer Arbeitswelt. Der kontinuierliche Weg von Studium über eine Vollzeitweiterbildung hin zur Vollzeitarbeit in einer Praxis ist für Frauen selten. Weiterbildung und Arbeitsalltag als Teilzeit in den Kliniken, Schwangerschaft, Mutterschutz, Erziehungszeit sind die Regel und werden häufig sehr negativ kommentiert, bzw. wirken sich nachteilig auf führende Positionen aus. 2017 gab es nur ca. 30 % weibliche Oberärzte und nur 10 % weibliche Klinikleitungen in Deutschland. In den Landesärztekammern waren nur 4 von 17 Vorständen weiblich. In den kassenärztlichen Vereinigungen 5 von 17. Ähnliche Verteilungen gibt es in den Berufsverbänden. So mancher Berufsverband vertritt in seiner Namensgebung auch nur zum Beispiel Urologen und Frauenärzte, obwohl es im eigenen Berufsverband der Frauenärzte fast 80 % weibliche Mitglieder gibt. Es ähnelt schon einem Aufstand, wenn man wie bei dem Berufsverband der Internisten und jetzt auch Internistinnen die Namensgebung auf Frauenärztinnen erweitern möchte. An eine Stärkung der berufspolitischen Kompetenz von weiblichen Mitgliedern ist nicht zu denken, sie wird teilweise offensiv abgelehnt.

Das Hauptargument gegen Frauen in der Berufspolitik kommt von den männlichen Kollegen selbst. Lange Amtszeiten werden mit großer Erfahrung gleichgesetzt. Die männlichen Netzwerke funktionieren, man unterstützt sich, Nachfolgeregelungen werden intern festgelegt. So mancher interessierten Ärztin wird schon vor der Wahl Kompetenz und Engagement abgesprochen. „Können Sie das überhaupt?“

Passivität und abwartende Haltung sind keine Wahl. Netzwerke für Ärztinnen ohne bierselige Stammtischmentalität können an berufspolitische Themen heranführen, das Selbstbewusstsein für die politische Arbeit mit Mentoringprogrammen, Diskussionsrunden und insbesondere mit der Reduktion von Selbstzweifeln und Förderung aktiver Kritik an Amtsinhabern stärken.

Die Übernahme einer Funktion in ärztlichen Gremien mit Pflichtmitgliedschaft, einem Berufsverband oder einer gewählten Gemeinschaft von Ärztinnen und Ärzten wie der Ärztegenossenschaft Nord verbessert nicht nur die eigene berufliche Situation, sondern ist auch Motivation für junge Kolleginnen.

Eine Erhöhung des Frauenanteils in den ärztlichen Gremien ist nicht nur Quoten-Gerede sondern in jedem Fall gewollt und zukunftsträchtig.

Nicht nur die nächsten Wahlen für die KV-Abgeordnetenversammlung der KVSH sind in Sicht, sondern auch die Wahlen des Vorstandes der Ärztegenossenschaft Nord im Juni 2022.

Lassen Sie sich als zugelassene oder angestellte Vertragsärztin zur Wahl aufstellen! Sie erfahren Unterstützung und Wertschätzung für Ihre Arbeit und erhöhen damit die Sensibilität für die frauenspezifische Sicht der medizinischen Versorgung und frauenfreundlicheren Gremienarbeit.