Während der zurückliegenden Koalitionssondierungen nutzten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sowie einige Verbände die Zeit, um ihre Anliegen an die Politik zu richten. Eine wesentliche Forderung – und diese wird natürlich auch von der Ärztegenossenschaft Nord eG getragen – betrifft das Ende der Budgetierung. In Zeiten gehobener Ansprüche der Patienten, zunehmenden Alters und steigender Morbidität mit überfüllten Notfallambulanzen und Praxen, fehlendem Nachwuchs auf dem Lande und langen Wartezeiten, erscheint diese Forderung nur konsequent. Sie stellt sicher keine Utopie dar. Es wäre allerdings Ironie des Schicksals, fiele diese Ära mit dem Aufstieg und Fall von Horst Seehofer zusammen.

Jedoch sollten wir der Politik und den Kostenträgern unsere Argumente erklären. Dazu sind differenziertere Betrachtungen als Maximalforderungen nötig. Wir müssen beschreiben, welche Vorteile das Ende der Budgetierung für die Versorgung haben kann:

  • Entlastung der Notfallambulanzen und Abbau von Wartezeiten durch unbudgetierte Mehrleistungen im ambulanten Sektor (u.a. durch Ausweitung des KV-ärztlichen Notdienstes)!
  • Bessere Versorgung chronisch kranker Patienten durch unbudgetierte, bessere Honorierung (damit wäre keine Praxis mehr auf „Verdünnerscheine“ angewiesen)!
  • Bessere Versorgung von Patienten auf dem Lande, indem in unterversorgten Gebieten mit nicht nachbesetzten Praxen die verbleibenden Ärzte keiner Leistungsbegrenzung mehr unterliegen (hier ist dann eine kleinteiligere Bedarfsplanung notwendig)!

Die Ärztegenossenschaft Nord fordert, dass im ersten Schritt Leistungen der Grundversorgung aus der Budgetierung herausgenommen werden und die sprechende Medizin gegenüber anderen Leistungen aufgewertet wird.

Auch ist nicht einzusehen, warum wir zur Abrechnung von Chronikerpauschalen Patienten jedes Quartal und zu Zweitkontakten in unseren Praxen sehen müssen. Vorhaltepauschalen wie in den Hausarztverträgen wären hier nur ein sinnvolles Vergütungsinstrument. Ärzte sollten hingegen Anreize bekommen, gut eingestellte, chronisch kranke Patienten mit den Möglichkeiten heutiger Medien und Telemedizin auch außerhalb der Praxen zu führen. Dies würde weniger kranke und ansteckende Patienten in den Ambulanzen und Praxen bedeuten, indem vernünftig bezahlte Telefon- oder Online-Sprechstunden – mit AU-Ausstellung und Verordnungsmöglichkeiten verknüpft – genutzt würden!

Es geht also um weit mehr, als nur eine isolierte Forderung. Wir brauchen den Mut zu einer Strukturreform, in der sich die Einzelforderung zum Ende der Budgetierung einbetten ließe und gegenfinanziert würde. Sie stellt jedenfalls eine sinnvolle Option dar, die heutigen Probleme im Gesundheitswesen zu lösen. Ob nach den gescheiterten Koalitionssondierungen unser schleswig-holsteinischer Gesundheitsminister Heiner Garg, der unsere Forderung unterstützt, seinen Einfluss in einer neuen Regierung wird einbringen können, darf gegenwärtig bezweifelt werden. Herrn Seehofer wünschen wir derweil für seine Zukunft alles Gute, Gesundheit und ein langes Leben – auch oder gerade außerhalb der Politik. (S. C. Gehring)

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