Was auf der letzten Veranstaltung Zukunft war, ist nun gelebte Gegenwart

Von Hamburg bis Flensburg, von der Nordsee bis zur Ostsee kamen die Besucher zum Dialogforum der Ärztegenossenschaft Nord eG (ÄGN) am 07. März 2018 nach Kiel. Über 60 Ärzte, Bürgermeister, Amts- und Krankenkassenvertreter besuchten die zweite Veranstaltung Zukunft Gesundheit. Während vor drei Jahren, im Februar 2015, bei den ersten Workshops zu diesem Thema noch theoretische Modelle diskutiert wurden, konnten nun erfolgreich umgesetzte Projekte vorgestellt werden. „Was auf der letzten Veranstaltung Zukunft war, ist nun gelebte Gegenwart“, so ÄGN-Vorstandsmitglied Dr. Svante Gehring, der die Veranstaltung moderierte. „Wir haben in unserem Land nun die einmalige Chance, den Weg weiterzugehen. Ich bin nicht nur auf uns, die Ärztegenossenschaft, stolz, sondern auch auf all die Akteure in unserem Bundesland, die dies ermöglichen.“

Ärztliche Versorgung im Flächenland Schleswig-Holstein auch in der Zukunft sicherstellen

Die erste Diskussionsrunde beschäftigte sich mit der Fragestellung, wie die ärztliche Versorgung im Flächenland Schleswig-Holstein auch in der Zukunft sichergestellt werden kann. Hierzu referierte zunächst André Zwaka, der stellvertretende Leiter der Zulassungsabteilung der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. Er zeigte die Grenzen der KV auf, aber vor allem auch, wo Möglichkeiten der Unterstützung bestehen.

Thematisch perfekt ergänzend, erläuterte Prof. Dr. Jost Steinhäuser anschließend, welche Maßnahmen das Institut für Allgemeinmedizin ergreife, um die Ausbildung und Niederlassung zum Facharzt für Allgemeinmedizin attraktiv zu gestalten. Steinhäuser: „Viele angehende Ärzte haben keine Vorstellung von der Arbeit außerhalb der Städte.“ Deshalb zeige das Kompetenzzentrum Weiterbildung zum Beispiel durch Mentoring und Schulungsprogramme die unterschiedlichen Vorzüge einer Niederlassung auf dem Land auf.

„Manchmal muss man es einfach machen!“ mit diesem Appell prägte Bürgermeister Jürgen Feddersen die Veranstaltung als dritter Redner. Anschaulich berichtete er, wie er politische und rechtliche Hürden überwand, um ein kommunales MVZ auf Pellworm zu etablieren. Hierbei betonte er die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen der KVSH, der Gemeinde Pellworm und der ÄGN, die ein solches Vorhaben erst ermöglichte.

Möglichkeiten für Gemeinden und Städte, sich in die ambulante Versorgung einzubringen

Rollup mit der Aufschrift "Gemeinsam Zukunft gestalten!"Nach den Impulsvorträgen wurde in der Diskussion die Aufbruchsstimmung des Publikums deutlich. Besonders die verschiedenen Möglichkeiten für Gemeinden und Städte, sich in die ambulante Versorgung einzubringen, wurden erörtert. Zwaka dazu: „Grundsätzlich hat der Gesetzgeber zwei Möglichkeiten geschaffen, wodurch Gemeinden die Verantwortung für Arztsitze übernehmen können – das kommunale MVZ oder die kommunale Eigeneinrichtung.“ In beiden Fällen seien die Ärzte in der Anstellung tätig, wobei natürlich auch in der Anstellung die Freiberuflichkeit bestehen bleibe.

In der anschließenden Pause nutzten die Besucher die Möglichkeit, mit den Referenten und Vertretern der Ärztegenossenschaft das Einzelgespräch zu suchen. Der rege Austausch in Bezug auf bereits umgesetzte Projekte und zukünftige Vorhaben, mündete in den zweiten Teil der Veranstaltung, welcher unter der Überschrift „Selbstständig trifft Angestellt“ stand.

Herr Dr. Gehring führte mit Hilfe einer Umfrage unter Medizinstudenten erneut in das Thema ein. Die Wünsche der jungen Ärztegeneration in Bezug auf Arbeitsverhältnisse und Strukturen fänden in Projekten der ÄGN immer Beachtung. Gehring weiter: „Neue Versorgungsmodelle funktionieren und schaffen dabei auch noch attraktive Arbeitsbedingungen!“ Ergänzend zu dieser Ausführung beschrieb Harald Stender, Koordinator ambulante Versorgung im Kreis Dithmarschen, in seinem Impulsvortrag das erfolgreiche Modell Büsum. Das Ärztezentrum sei als Leuchtturmprojekt in ganz Deutschland bekannt und fände sogar durch eine Förderung der Robert-Bosch-Stiftung Anerkennung. Der kommunale Berater unterstrich in seiner Rede, ebenso wie Herr Feddersen, dass Gemeinden den Weg zur Sicherung der ambulanten Versorgung mit Unterstützung von Partnern wie der KVSH und der ÄGN erfolgreich beschreiten können. Dabei nannte er die Ärztegenossenschaft einen „Dolmetscher zwischen Verwaltung und Gesundheitswesen“.

„Selbstständig trifft Angestellt“

Als wesentliche Akteure der Veranstaltung Zukunft Gesundheit sprachen gegen Ende zwei Ärzte, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Der 32-jährige Klaas Lindemann ist angestellter Arzt in Büsum. Er erzählte, dass sein Vater den hausärztlichen Kassenarztsitz in das Ärztezentrum eingebracht habe, um seinem Sohn die Anstellung zu ermöglichen. Lindemann sieht vor allem die Teamarbeit zwischen älteren und jüngeren Ärzten als großen Vorteil der neuen Versorgungsstruktur. „Ich wollte Mediziner werden und nicht Unternehmer. Im Ärztezentrum kann ich mich auf das konzentrieren, wofür ich ausgebildet wurde und der bürokratische Aufwand wird mir abgenommen“, unterstrich der junge Arzt.

Im Kontrast dazu stellte Dr. Johann Kielholz sein Arbeitsmodell in der Selbstständigkeit dar. Der erfahrene Facharzt für Allgemeinmedizin hat in Wöhrden eine Praxisstruktur aufgebaut, bei welcher er sieben jüngeren Kollegen zunächst die Anstellung ermöglicht habe. Geplant sei, dass einige der Angestellten seine Praxis als Selbstständige weiterführen. Dr. Kielholz plädierte abschließend an die junge Ärzteschaft, die unternehmerische Verantwortung für die eigene Praxis zu übernehmen.

Politisch Verantwortliche müssen Rahmenbedingungen für die Umsetzung weitere neue Versorgungsideen schaffen

Die anschließende zweite Diskussionsrunde zeigte, dass die Anzahl der ausgebildeten Hausärzte noch nie so hoch war wie heute, dass die Ressource Arbeitszeit des einzelnen Arztes jedoch gleichzeitig abnimmt. Gründe dafür sind unter anderem veränderte Vorstellungen in Bezug auf Arbeit und Familie. Das Publikum zeigte jedoch Verständnis für den Wunsch nach einem ausgewogenen Lebensmodell der jungen Ärzteschaft. Herr Christoph Meyer, ÄGN-Vorstandsmitglied und Moderator der Diskussionsrunden, hielt zusammenfassend fest, dass Ärzte nicht gezwungen werden könnten, sich auf dem Land niederzulassen. Stattdessen müssten die politisch Verantwortlichen Rahmenbedingungen schaffen, damit weitere neue Versorgungsideen umgesetzt werden können – so sollten beispielsweise auch Arztnetze und Ärzteorganisationen einen Leistungserbringerstatus erlangen können und dadurch MVZ gründen dürfen.

Zukunft Gesundheit. vlnr: Dr. Svante Gehring, Christoph Meyer

Die Moderatoren Dr. Svante Gehring und Christoph Meyer (v.l.n.r.)

Fazit

Insgesamt war das Diskussionsforum Zukunft Gesundheit der Ärztegenossenschaft eine gelungene Veranstaltung, die zum Nachdenken und Handeln angeregt hat. Der Tenor“ Versorgung neu denken!“ war unter den Besuchern deutlich zu spüren. Es ist zu erwarten, dass aus der Veranstaltung heraus weitere Projekte umgesetzt oder initialisiert werden. (M. Schunke/ L. Löffler)

Die Vorträge der Veranstaltung „Zukunft Gesundheit“ vom 07.03.2018 in Kiel zum Herunterladen oder Anschauen:

Vorträge "Zukunft Gesundheit" 2018
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